Lebenslauf oder Biografie in der HR?

Der verschriftlichte Lebenslauf dient seit Jahrhunderten Menschen dafür, andere Menschen rasch nach deren Berufserfahrungen und anderen Kompetenzen einordnen zu können, um einen Vergleich mit geforderten Berufserfahrungen und Kompetenzen zu erhalten. Wir nutzen den Lebenslauf, um uns zu be-werben. Zwischen den meist einzelnen Bulletpoints steckt etwas, dass wir allgemein als Biografie bezeichnen.

 

Biografie, eine doppeldeutige Begrifflichkeit

Biografien begegnen uns ständig. In Filmen, Büchern oder als Auszügen von besonderen Taten von Menschen in diversen Medien. In der HR sind sie allerdings noch ein kleines Pflänzchen. Mein erster Gedanke an eine Biografie war ein Buch. Ein Buch über einen Menschen, der in für andere Menschen interessantes oder spannendes Leben meist gelebt hat. Dabei sprechen wir von der Literaturgattung Biografie. Doch diese meine ich im Folgenden nicht, sondern die Biografie, die jeder Mensch besitzt, nur eben nicht verschriftlicht hat.

 

Viele wissen gar nicht, dass sie eine Biografie haben.

Das Wort Biographie meint viel mehr. Sich seiner Biographie bewusst wird man beispielsweise dann, wenn man Dinge aus seinem Leben verschweigt oder verdrängt. Jeder Mensch, der einmal erzählt hat, was er oder sie gestern getan hat, erzählt seine eigene Lebensgeschichte und somit seine Biographie. Unbewusste biographische Dinge des eigenen Lebens zeigen sich in unterschiedlichen Formen.

Dabei benötigt man einen Anlass (erinnern, erzählen, niederschreiben), um biographisch orientiert zu denken und zu handeln. In der HR ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten, um dafür Anlässe zu finden. In Erstgesprächen, Mitarbeitergesprächen, im Falle von Entscheidungen von Beförderungen, personellen Veränderungen, Weiterbildungen in der Personalentwicklung, usw. Umgekehrt können sich BewerberInnen die eigene Biografie etwa in Bewerbungsschreiben zu nutze machen, um sich von anderen Menschen zu unterscheiden, was in so manchen Lebensläufen nicht immer der Fall ist. Selbiges trifft bei Unternehmen auch auf Stellenanzeigen zu. Eine Ansammlung von austauschbaren Bulletpoints. Eine andere Geschichte.

 

Unser Leben, ein U-Bahnnetz?

Das Wort Biografie entstammt dem Griechischen und bedeutet nichts anders, als Leben schreiben. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir unsere Leben niederschreiben, oder erzählen. Wer sich daher das Ziel gesetzt hat, (s)eine Biographie sicht- und nutzbar zu machen, wird schnell merken, dass man dies schwer möglich ist. Wir können uns zwar mit unserem und dem Leben anderer beschäftigen und versuchen dieses aus der Vergangenheit rekonstruierend zu einer Einheit zusammen zufügen, aber wir sind immer nur imstande Frequenzen des Seins zu erkennen. Anders sieht dies Bourdieu in seinem soziologischen Ansatz und der „biographischen Illusion.“[1]

Für ihn kann ein Lebenslauf nicht wie ein U–Bahnstreckennetz mit seinen Stationen betrachten werden und unreflektiert die Matrix der objektiven Beziehungen in den Wegen zwischen den Stationen außer Acht lassen. Für Bourdieu ereignet sich das Leben in einem sozialen Raum. Er meint: „Die biographischen Ereignisse definieren sich also als Platzierungen und Deplatzierenden im sozialen Raum, also, genauer, in den verschiedenen aufeinander folgenden Zuständen der Verteilungsstruktur der verschiedenen Kapitalsorten, die in dem betreffenden Feld im Spiel sind.“[2]

Er hat den Anspruch, dass das Leben ein Ganzes konstruiert, einen kohärenten und orientierten Zusammenhang. Man muss vorab die Geschichte eines Lebens konstruieren und die, wie Bourdieu es nennt, „soziale Oberfläche“ eines Individuums freilegen: „… wer würde davon träumen, sich eine Reise vorzustellen, ohne eine Idee von dem Land zu haben, in dem sie sich ereignet?“[3]

Das Leben an sich ist für ihn eine Geschichte, die Lebensgeschichte ist die Erzählung dieser Geschichte. Es geht Bourdieu immer um eine Rekonstruktion von Lebenslaufbahnen, die nur verstanden werden können, wenn man das Feld in dem sich das Leben abgespielt hat, versteht und (re)konstruiert. Nassehi entgegnet Bourdieu, dass es nicht auf richtige oder falsche Beobachtungen eines Lebenslaufes ankommt, sondern um die Frage dreht „… was wie von wem als gelebtes Leben in biographischen Texten kommuniziert wird.“[5]

Im HR-Kontext hieße dies, dass das, was im Lebenslauf oder Motivationsschreiben steht, nur das ist, was der oder die SchreiberIn kommunizieren will. Soweit verständlich. Es heißt schließlich nicht umsonst be-werben.

Doch ist der Raum zwischen den Bulletpoints nicht das, was uns als Menschen ausmacht?

 

Jede Biografie ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Ich finde die Methaper eines U-Bahnstreckennetzes passend, um sich eine Lebensgeschichte sinnbildlich vorstellen zu können. Wir steigen bei einer Station ein und bei einer anderen, oder vielleicht bei der selbigen wieder aus. Manche Menschen verwenden dieselbe Strecke, um an ihr Ziel zu kommen, andere fahren unserem Anschein nach einen längeren und eventuell komplizierteren Weg. Vielleicht gibt es aber auch Menschen, die gar nicht mit der U-Bahn fahren wollen und lieber zu Fuß gehen? In der „biographischen Illusion“ steckt insbesondere eines: Interpretation. Eine Biographie ist immer eine Interpretation eines Lebens. Ebenso wie ein Lebenslauf.

 

Zwischenfazit

Eine Zeitung schrieb einmal über mich, dass ich einen “bunten Lebenslauf” habe. Damit kam nichts anders zum Ausdruck, dass ich schwer nach klassischen Mustern einzuordnen bin. Oder womöglich anders ausgedrückt, dass ich eine interessante Biografie habe, die nicht dem Mainstream einzuordnen ist?

Im HR-Kontext findet sich die Biografie ab und zu etwa in Vorstellungsgesprächen wieder. Meist jedoch folgt auf die Fragen “Erzählen Sie einmal ein wenig über sich?” oder “Warum sollte ich gerade bei Ihnen anfangen?” nur Schweigen. Weshalb? Weil wir oftmals gar nicht wissen, was so interessant an uns oder unserem Unternehmen ist. Deshalb plädiere ich dafür der Biografie mehr Platz in der HR zu geben. Um uns als Menschen besser kennen zu lernen, um andere Menschen besser einordnen zu können und um Berufliches und Privates mehr miteinander verbinden zu können. Möglichkeiten wären dafür in vielerlei Hinsicht vorhanden. Lassen Sie uns gerne herausfinden, wie wir im Human Relation und Recruiting das Thema Biografie effektiver verordnen können. Dann schreiben Sie mir hier ihre Nachricht.

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