Drei echte Storys, die das Leben schrieb

Wenn eine Storyteller Kurzgeschichten aus dem eigenen Leben schreibt. Hier drei kurze Storys. Über die letzte Story sollte ich noch ein Drehbuch schreiben. Viel Spaß mit meinen Erinnerungen.

 

Schuhe, Farben & wichtige Erkenntnisse

Da stand er vor mir. Er kommt gerade vom Kindergarten heim und sieht mich traurig an. In seinen kleinen Augen kann man die Enttäuschung förmlich sehen. Was ist los, frage ich ihn. Aufgeregt überschlägt sich seine Stimme und er antwortet: „Die Schuhe. Die sagen, die sind für Mädchen.“ Wer sind die, erwidere ich. „Die anderen Kinder im Kindergarten. Das macht mich traurig.“ Ich schaue auf seine rosa Schuhe mit den blinkenden Sohlen und meine zu ihn, dass die anderen Kinder nur neidisch sind, da sie auch gerne solche Schuhe hätten. Da beginnt er wieder zu lächeln.

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug. Es geht in einen Motorik-Park, weil er Hindernisse und Klettern liebt. Mit seinen kleinen Füßen überwindet er die vielen verschiedenen Stufen und Übungen so gut er kann. Bis vor ihm ein kleines Mädchen ist, die er auf der Strecke eingeholt hat. Er geht langsam hinter ihr her, bis sich diese umdreht. Es dauert nicht lange und sie bemerkt seine Schuhe. Sie fragt ihn, warum er solche Schuhe an hat. Die sind doch für Mädchen.

In diesem Augenblick schaut er sie an und meint mit ruhiger Stimme: „Ich mag meine Schuhe. Ich finde die Farbe sehr schön und sie blinken, wenn es dunkel ist oder wenn ich hüpfe. Schau mal.“ Das Mädchen schaut ihm noch ein paar Sekunden zu, während er zu hüpfen beginnt, lächelt und geht dann weiter. Mein kleiner Sohn schaut mich zufrieden an.

Zuhause angekommen frage ich ihn wieder, wie es ihm gegangen ist, als das Mädchen ihm die Frage zu seinen Schuhen gestellt hat. Er meint humorvoll darauf, dass deren Schuhe nicht blinken konnten und sie vermutlich auch gerne solche Schuhe gehabt hätte.

Das Schöne an diesem Moment war, dass ich erkannte, dass mein kleiner Sohn noch nicht genormt war, wie es Vera Birkenbihl treffend formuliert hat. Buben blau und Mädchen rosa. Dieses Weltbild, diese Normen, prägen uns von Kindheitstagen an. Was richtig und was falsch ist. Als mein kleiner Sohn damals nach Hause kam, mit Tränen in den Augen, wurde sein Weltbild erschüttert. Wieso mag niemand meine rosa Schuhe?

Es liegt daher an uns, nicht schwarz und weiß, oder wie in diesem Fall, rosa und blau zu denken, sondern ab und zu Buntheit zuzulassen. Ich habe mir danach im Übrigen solidarisch ein rosa Hemd gekauft. Passt noch heute gut.

 

Einstellungen sind auch nur Vorstellungen

Sind Sie schon einmal von einer alten Dame arbeitslos erklärt worden? Ich schon. Zweimal sogar. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Das erste Mal, als ich die ältere Frau sah – wie alt Sie wirklich war, weiß ich nicht -, glaubte ich, dass es eine Mitstudierende ist, die in ihrer Pension Familienforschung betreiben wollte. Als Sie allerdings bei der Einführungsvorlesung vor über 400 jungen Menschen nach vorne trat, wurde Sie uns als Institutsvorstand vorgestellt.

Ich war damals 26 Jahre alt und studierte am zweiten Bildungsweg doch tatsächlich Geschichte. Holte Latein nach. Diese tote Sprache wolle ich eigentlich mit 15 Jahren, nach der fünften Klasse Gymnasium hinter mir lassen. Hic rideo ego (Hier lache ich). Zurück zur alten Dame.

Da stand Sie nun. Die Frau Professorin las von einem Zettel vor und sprach vor dem großen Auditorium. Seitdem weiß ich auch, warum es an Universitäten Vorlesung heißt. Sie war nicht die einzige Person, die das während des Studiums wörtlich nahm. Ihre kleine Rede beendete Sie schließlich mit den Worten: „Schön, dass Sie alle Geschichte studieren. Diejenigen, die auf Lehramt studieren. Es sieht gut aus. Diejenigen von ihnen, die auf Diplom studieren, Sie müssen sich jetzt schon darauf einstellen, dass Sie arbeitslos werden.“

Da saß ich auf dem unbequemen Sitz. Inmitten von vielen jungen Menschen, ein Selbsterhalterstipendium in der Tasche und Sie können es vermutlich schon erahnen, als Student, der auf Diplom studierte. Arbeitslos. Gute Aussichten.

Nach der Aussage der alten Dame könnte man meinen, dass ich schlauer geworden bin und etwas Bodenständiges dazu studiert habe. Also studierte ich Betriebswirtschaftslehre nebenbei. Sicher ist sicher. Wobei. Auch das ist wieder eine ganz andere Story. Nach dem Geschichte Studium, welches in sieben Semestern, weit unter Mindeststudienzeit, beendet wurde, starte ich ehrgeizig ein Doktoratsstudium der Wirtschaftsgeschichte.

Erster Tag. 10 Menschen in einem Raum. Die Tür ging auf und eine alte Dame, dieselbe wie einige Jahre zuvor, kam herein und beendete ihre kurze Ansprache, diesmal ohne vorzulesen: „Danke, dass Sie sich für ein Doktoratsstudium entscheiden haben. Danke für ihr Engagement. Sie wissen, dass Sie danach arbeitslos sein werden.“

Da saß ich wieder da. Auf einem ebenso unbequemen Sessel. Eines war allerdings anderes. Ich stand auf und sagte zur alten Dame: „Sehr geehrte Frau Professorin, wie viele Studenten haben Sie eigentlich tatsächlich in die Arbeitslosigkeit geschickt?“ Sie lächelte und meinte trocken: „Sie wohl noch nicht.“ Danach hat Sie mich immer freundlich gegrüßt, wenn wir uns am Gang getroffen haben.

 

Die tote Stimme

Vor einigen Jahren arbeitete ich für ein Archiv, in dem hunderte Interviews von Menschen archiviert sind. Lebensgeschichten von Personen, die noch die Monarchie erlebten, bis hin zu Jugendlichen und deren Wahrnehmungen im Alltag. Kurzum: Es ist eine riesige Ansammlung an Storys. Transkribierte Lebensgeschichten.

Da sitze ich nun an einem Schreibtisch. Soweit alles unspektakulär. Bis eines Tages das Telefon läutete. Am Ende der Leitung war eine Dame vom Schauspielhaus Graz. Sie wollte von mir wissen, ob wir Aussagen von Menschen gespeichert haben, die um die 1920iger Jahre als Kaufleute tätig waren. Im Schauspielhaus war ein Stück geplant, in dem ein Kaufladen aus den genannten Jahren aufgebaut werden sollte. Die Geschichte spielte in den goldenen 1920iger Jahren. Dazu bräuchte Sie Informationen. Über den Alltag, die Waren und Gegebenheiten.

Gesagt getan. Da alle transkribierten Interviewers mit Stichworten versehen sind, konnte ich eine Suche starten. Meine erste Idee war, einmal alle Menschen zu suchen, die Kaufmann als Beruf angegeben hatten. Eine überschaubare Liste kam zum Vorschein.

Nachdem ich die ersten Namen genauer untersucht hatte, blieben meine Augen sofort bei einem Namen stehen. Stefan Egger. Kaufmann. Mein Blick ging langsam in Richtung Heimatort. Bruck an der Mur. Da kam ich ja auch her, dachte ich in diesem Moment noch. Das Geburtsdatum passte ebenso. Diesen Moment werde ich niemals vergessen. Ich hatte ein Interview von meinem Opa im Archiv gefunden, welches 1987 aufgenommen wurde. Es ist 45 Minuten lang. Niemand in meiner Familie hat davon gewusst. Interviewt hatte ihn ein Student, der damals in der Nachbarschaft wohnte. Mein Opa arbeitet als Kaufmann. Deshalb fand ich das Interview und stieß aus seine Person.

Auch eine Audio-Datei ist dazu vorhanden. Als ich auf Play drückte, hörte ich zum ersten Mal, zehn Jahre nach seinem Tod, seine Stimme wieder. Er sprach über seine Kindheit in Bad Mitterndorf und andere Details aus seinem Leben, welche ich nicht kannte. Über den Krieg, seine Arbeit und wie er seinen Alltag erlebte.

So hörte ich durch einen Zufall die Stimme meines Opas wieder.

 

Welche Story hat Ihnen gefallen? Was hat Sie emotional erreicht? Schreiben Sie mir gerne einen Kommentar. 

 

Konnte ich ihr Interesse wecken, nun ebenfalls Storytelling für ihre Kommunikation und im Marketing zu nutzen? Wollen wir gemeinsam Ihre Storys zum Leben erwecken? Dann nehmen Sie jetzt HIER mit mir Kontakt auf.

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